Breslau

Brẹs|lau:
Stadt an der Oder; vgl. Wrocław.

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Brẹslau,
 
1) polnisch Wrocław ['vrɔtsu̯af], Hauptstadt der Woiwodschaft Niederschlesien, Polen, Stadtkreis und Kreisstadt, 639 400 Einwohner; liegt, 120 m über dem Meeresspiegel, inmitten der fruchtbaren niederschlesischen Tiefebene an der Mündung der Ohle, beiderseits der Oder, die sich hier in mehrere Arme teilt; die Stadtteile sind durch mehr als 80 Brücken verbunden. Breslau ist die größte Stadt sowie wissenschaftliches, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum Schlesiens; Erzbischofssitz; Universität (gegründet 1702 als Hochschule, seit 1811 Universität), TU (gegründet 1945), sechs Hochschulen (Akademie für Medizin, Sport und Wirtschaft sowie Landwirtschaftliche, Musik- und Kunsthochschule), eine Abteilung der Polnischen Akademie der Wissenschaften, zahlreiche wissenschaftliche Institute, darunter für Schlesien- und Böhmenforschung sowie Deutschkunde, National-, Historisch, Archäologie-, Volkskunde-, Medaillen-, Architektur-, Post- und Fernmelde-, Erzdiözesanmuseum u. a. Museen; Rotunde mit einem großen Panoramagemälde zur Schlacht bei Racławice, Bibliothek Ossolineum, Oper, Operettentheater, sechs Theater (darunter Pantomimentheater), Philharmonie, Filmstudio und Verlage. Daneben besitzt Breslau einen botanischen und zoologischen Garten, ein Observatorium sowie das Olympiastadion. - Vielseitige Industrie; Hauptindustriezweige sind Maschinen- und Waggonbau, Metall- sowie elektrotechnische/elektronische Industrie, außerdem Nahrungs- und Genussmittel-, chemische, Textil- und Bekleidungs-, Holzindustrie sowie Druckereigewerbe; Verkehrsknotenpunkt, Binnenhafen mit Werft, für den internationalen Verkehr im Ausbau befindlichen Flughafen.
 
 
Die kunsthistorisch bedeutsamen Bauten sind zum großen Teil restauriert, rekonstruiert oder in ihren Resten konserviert, auf der Dominsel die Kathedrale Sankt Johannes der Täufer (13.-15. Jahrhundert) mit romanischer Krypta des Vorgängerbaus, gotische Fresken, Renaissance- und Barockgrabmälern und -kapellen (u. a. die Kurfürstenkapelle von J. B. Fischer von Erlach) sowie modernen Farbglasfenstern von T. Wojciechowski. Der Bischofspalast, barock-klassizistisch von C. G. Langhans und C. G. Geissler (1791 ff.), ist heute Erzdiözesanmuseum. Barocke Kanonikerhäuser. Spätromanische Kirche Sankt Aegidius (Anfang 13. Jahrhundert); ehemalige Burgkirche Sankt Martin (ursprünglich vor 1243, im 13.-14. Jahrhundert sowie 1571 umgebaut); spätgotische Kirche Sankt Peter und Paul (15. Jahrhundert); Kollegiatskirche Heiliges Kreuz, eine dreischiffige, zweigeschossige Hallenkirche (13. und 14. Jahrhundert).
 
»Auf dem Sand« liegt das ehemalige Augustinerkloster; seine Kirche Sankta Maria auf dem Sande (1334-1425 an der Stelle eines Vorgängerbaus aus dem 12. Jahrhundert) wurde nach 1945 größtenteils rekonstruiert und restauriert (u. a. Farbglasfenster von T. Reklewska, 1966); in den Klostergebäuden (1709-30, mit gotischen Resten) ein Teil der Universitätsbibliothek. Augustinerkonvent (gegründet vor 1299) mit Kirche Sankt Anna (früher Sankt Jakob), erbaut 1686-91, 1945 ausgebrannt, Reste sind gesichert.
 
In Alt- und Neustadt: Pfarrkirche Sankta Maria Magdalena aus dem 13. und 14. Jahrhundert (Kapellen um 1400, Türme 1488 vollendet, an der Südseite romanisches Stufenportal aus dem ehemaligen Benediktinerkloster auf dem Elbing nördlich der Dominsel); Pfarrkirche Sankta Elisabeth (13./14. Jahrhundert, Turm 1458 vollendet), 1976 ausgebrannt und bis 1988 wiederhergestellt, mit Grabmonumenten aus Renaissance und Barock; Jesuitenkolleg und -kirche (1689-98) mit Fresken u. a. von J. M. Rottmayr sind heute Teil der Universität. Daneben bestehen noch: Pfarrkirche Sankt Vincent (ehemalige Franziskanerkirche Sankt Jakob), frühgotisch begonnen; Dominikanerkloster mit Kirche Sankt Adalbert (ab 1226, nach Brand ab 1260 neu gebaut, spätgotisch erhöht und neu gewölbt); Augustinerkirche Sankt Dorothea und Stanisław (14./15. Jahrhundert, nach Brand wieder aufgebaut im 18. Jahrhundert); Kirchen und Konvente mehrerer geistlicher Ritterorden; Kalvinistische Kirche (1747-50 von J. Boumann der Jüngere ). Das alte Rathaus (Ende 13. bis Anfang 16. Jahrhundert) beherbergt heute das Historische Museum und das Museum für Medaillenkunst. In den Barockbau des Spittelordens wurde nach 1945 die 1817 gegründete Bibliothek Ossolineum von Lemberg verlegt. Zahlreiche Paläste und Bürgerhäuser des 17. bis 19. Jahrhunderts, besonders am Ringplatz, sind wieder aufgebaut. Ein früher Stahlbetonbau ist die Jahrhunderthalle (1911/13) von M. Berg.
 
Im Nationalmuseum u. a. bedeutende Sammlungen von Skulpturen (besonders Spätgotik), Gemälden (besonders Barock), Kunsthandwerk, Handzeichnungen und Druckgrafik.
 
 
Funde aus vorgeschichtlicher und wandalischer Zeit (Bernstein) weisen Breslau schon als bedeutenden Umschlagplatz an dem Oderübergang aus. Um 900 wurde von Böhmen aus die Burg gegründet (1017 als Wortizlawa bezeugt). Anfang 13. Jahrhundert entstand am linken Oderufer eine deutsche Kaufmannssiedlung, die durch die Mongolen 1241 niedergebrannt wurde. Unmittelbar danach wurde die deutsche Stadt gegründet, die 1261 Magdeburger Recht erhielt und seit dem 14. Jahrhundert der Hanse angehörte. 1335 kam Breslau mit Schlesien an Böhmen, im 15. Jahrhundert bekämpfte es die Hussiten. 1523 führte Breslau die Reformation ein. 1526 kam es mit Böhmen an die Habsburger. Durch den Breslauer Präliminarfrieden (Breslauer Vertrag) fiel die Stadt 1742 mit Schlesien an Preußen. Von Breslau aus erließ König Friedrich Wilhelm III. von Preußen den »Aufruf an mein Volk« (17. 3. 1813). Im 19. Jahrhundert stieg die Einwohnerzahl durch das Wachstum der Industrie sprunghaft an (1811: 62 000, 1890: rd. 400 000 Einwohner). Als »Festung Breslau« war die Stadt von Februar bis Mai 1945 hart umkämpft und wurde stark zerstört. 1945 kam sie unter polnische Verwaltung, seit 1991 völkerrechtlich zu Polen. Bis 1998 war Breslau Hauptstadt der aufgelösten Woiwodschaft Wrocław.
 
 
G. Scheuermann: Das B.-Lex., 2 Bde. (1994).
 
 2) polnisch Wrocław ['vrɔtsu̯af], bis 1998 Woiwodschaft in Polen, danach Teil der Woiwodschaft Niederschlesien.
 
 3) ehemaliges Herzogtum, entstand 1248 durch die Teilung Niederschlesiens. Nach dem Aussterben der Breslauer Linie der Piasten fiel es 1290 an Herzog Heinrich V. von Liegnitz. Teile kamen an Glogau und Schweidnitz-Jauer. 1311 entstanden aus dem Fürstentum Breslau-Liegnitz die Herzogtümer Breslau und Liegnitz-Brieg. Damals umfasste das Herzogtum Breslau nur noch die späteren Landkreise Breslau und Neumarkt. Herzog Heinrich VI. nahm sein Gebiet 1327 vom böhmischen König zu Lehen, 1335 kam es unmittelbar unter böhmische Herrschaft.
 
 4) Erzbistum, wurde im Jahre 1000 als Suffragan von Gnesen durch Kaiser Otto III. errichtet. Die in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts einsetzende deutsche Besiedlung Schlesiens beeinflusste den Ausbau seiner Organisation. Nach 1574 begann nach dem Sieg der Reformation eine innere Erneuerung durch Generalvisitationen und Synoden, die durch die habsburgische Gegenreformation noch weiter gefördert wurde. Die Zugehörigkeit des Bistums zum Metropolitanverband von Gnesen hörte 1641 faktisch auf; sein Territorialbesitz wurde 1810 säkularisiert.
 
1930 wurde die Ostdeutsche Kirchenprovinz geschaffen, Breslau wurde Erzbistum (mit den Suffraganbistümern Berlin, Ermland und der Freien Prälatur Schneidemühl). Breslau war die flächenmäßig größte, der Einwohnerzahl nach zweitgrößte deutsche Erzdiözese. Der nach dem Tod Kardinal Bertrams (6. 7. 1945 durch das Domkapitel gewählte Kapitularvikar Ferdinand Piontek (* 1878, ✝ 1963) konnte sein Amt in dem östlich der Oder-Neiße-Linie liegenden Teil des Erzbistums nicht mehr antreten, da er ihn zusammen mit der deutschen Bevölkerung verlassen musste. Im September 1945 setzte der polnische Primas Kardinal Augustyn Hlond (* 1881, ✝ 1948) drei polnische Administratoren mit Sitz in Breslau, Oppeln und Landsberg (Warthe) für die kirchliche Verwaltung dieses Gebietes ein, in das in der Folge Polen aus den polnischen Ostgebieten angesiedelt wurden. Der Abschluss des Warschauer Vertrages hatte 1972 auch die Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse in dem kirchenrechtlich bis zu diesem Zeitpunkt noch deutsches Erzbistum Breslau zur Folge: Das Erzbistum wurde neu umschrieben. Für die Gebiete östlich von Oder und Neiße wurden die polnischen Bistümer Opole (Oppeln) und Gorzów (seit 1992 Zielona Góra-Gorzów (Bischofssitz Zielona Góra [Grünberg]); vorher Gorzów Wielkopolski [Landsberg/Warthe]) errichtet und dem jetzt kirchenrechtlich polnischen Erzbistum Breslau als Suffraganbistümer unterstellt. Der westlich der Oder-Neiße-Linie liegende Teil wurde Apostolische Administratur mit Sitz in Görlitz und bestand als solche bis 1994 (Erhebung zum Bistum Görlitz). Das ehemals zu Breslau gehörende Bistum Berlin wurde gleichzeitig exemt und bestand als exemtes Bistum ebenfalls bis 1994 (Erhebung zum Erzbistum Berlin). Die 1992 durchgeführte Neugliederung der Bistümer in Polen hatte für das Erzbistum Breslau eine Verkleinerung auf etwa 55 % seines ehemaligen Territoriums zur Folge. Opole und Zielona Góra-Gorzów wurden Suffraganbistümer der neu errichteten Erzbistümer Katowice (Kattowitz) und Szczecin-Kamień (Stettin-Cammin); das neu geschaffene Bistum Legnica (Liegnitz) wurde Suffraganbistum von Breslau. Es bestehen (1994) 391 Pfarreien und Seelsorgebezirke; die rd. 1,5 Mio. Katholiken (bei einer Gesamtbevölkerung von rd. 1,6 Mio.) werden von 765 Welt- und 285 Ordenspriestern seelsorgerisch betreut. Erzbischof ist seit 1976 Kardinal Henryk Roman Gulbinowicz (* 1928).
 

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Brẹs|lau: Stadt an der Oder; vgl. ↑Wrocław.

Universal-Lexikon. 2012.

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